Gruppendynamik ist schön – Oder: warum Hierarchien doch nötig sind.

Wie ich kürzlich beim StartupWeekend feststellen konnte ist Gruppendynamik eine interessante Sache. Sie führt zu spannenden, kreativen aber auch absolut blockierenden Diskussionen.Häufig findet man eine Tendenz zur Ablehnung von Hierarchien und ein überschwängliches Lob für Selbstorganisation, Grassroots etc. Was dabei häufig vergessen wird, ist dass diese Art zu arbeiten nur unter bestimmten Bedingungen funktioniert und evt. klare oder auch unbewusste Hierarchien ganz hilfreich sein können.

Unter bestimmten Umständen kann eine Organisation ohne Hierarchien funktionieren. Dafür müssen sich alle Beteiligten aber über die Ziele und die “Vision” einig sein. Und damit ist nicht irgendein “Leitsatz” gemeint, sondern wirkliche Übereinstimmung hinsichtlich Ergebnis, Zielsetzung und dem Weg dorthin. Da dieses in heterogenen Gruppen nur schwer herzustellen ist, kristallisieren sich in solchen Gruppen meistens zwei Möglichkeiten heraus.

  1. Lähmung durch Uneinigkeit/Unverständnis
    Dieses Phänomen verdeutlicht sich am schnellsten in endlosen Gruppendiskussionen, welche sich bevorzugt im Kreis drehen und mit dem Ergebnis enden, dass es Diskussionsbedarf gibt. Jeder versucht den eigenen Standpunkt zu verdeutlichen, andere vom eigenen Standpunkt zu überzeugen und niemand möchte etwas entscheiden. Ziel ist dabei absoluter Konsens. Da das Grundprinzip eines Kompromiss allerdings die Aufgabe eines Teils der eigenen Position ist, wird dieser Konsens schwieriger je größer die Gruppe ist. Dieser Prozess ist meist sehr langwierig und kann auch frustrierend ohne Ergebnis enden.
  2. Implizite Hierarchien durch Übernahme von Verantwortung
    Häufig kommt es in Gruppen dazu, dass sich relativ schnell “Führungspersonen” herauskristallisieren. Diese übernehmen von sich aus Verantwortung für Aufgaben bzw. beginnen damit Strukturen zu schaffen um anstehende Aufgaben zu lösen. Diese Führungspersönlichkeiten werden relativ schnell von allen akzeptiert und dann meist auch bei Entscheidungen befragt. Schwierig wird es manchmal nur, wenn diese “Führungsposition” quasi offiziell gemacht wird indem Titel oder Funktionen verliehen werden.

Die zweite Variante ist für die Produktivität in heterogenen Gruppen definitiv vorteilhafter. Ob diese Positionen auch offiziell “definiert” werden, oder ob es um eine implizite Hierarchie geht ist dabei erstmal nebensächlich. Häufig kann man dieses Konstrukt schon dadurch erreichen dass explizit Aufgaben verteilt werden, die in der Verantwortung von Einzelnen liegen. Wenn diese die Verantwortung annehmen, hat sich bereits eine Hierarchie etabliert.

Das Ziel jeder Organisationsstruktur sollte eine effektive Bewältigung der Aufgaben sein. Die meisten Organisationen existieren nicht zum reinen Selbstzweck, sondern verfolgen ein Ziel. Um dieses zu erreichen ist entsprechend eine kanalisierte Kommunikation und eine klare Aufgabenverteilung notwendig. Die einzelnen Gruppen können dann wiederum teilautonom agieren und ihre eigenen Organisationsstrukturen finden. Häufig wird man feststellen, dass diese aber auch ein Abbild der generellen Strukturen in kleinerem Maßstab sind.

Der klare Vorteil einer zunächst völlig offenen Diskussion ist es, dass verschiedenste Standpunkte und Ansichten aufeinanderprallen und sich daraus durchaus interessante Ideen entwickeln können. Es sollte nur möglichst nicht der Zeitpunkt verpasst werden an dem der Übergang von der Diskussion in die Produktion (im Sinne von Aufgabenbewältigung) notwendig ist. Ab diesem Zeitpunkt ist eine gewisse Steuerung sehr hilfreich.

Diese beiden Phasen können allerdings auch in wiederkehrenden Zyklen genutzt werden um mit jeder Iteration neue Ansichten einfließen zu lassen.

Abschließend noch eine etwas andere Betrachtung eines ähnlichen Phänomens. In diesem Artikel wird geschildert wie ein eigentlich nützlicher Download aufgrund von falschen Kommentaren auf der Social-News Seite Digg innerhalb kürzester Zeit verschwand. Die Schlussfolgerung des Autors daraus lautet, dass Gruppen nicht automatisch klug sind. Die vielfach zitierte “Wisdom of Crowds” ist also auch kein Allheilmittel. Auch dabei kommt es auf die Umstände und eine evt. Steuerung, wenn auch eine sehr dezente, an.

Comments 1

  1. Orlando Hohmeier wrote:

    Implizite Hierarchien.

    Ich würde behaupten das sich, auf unbewusste weise immer “Führungspersonen” aus eine Gruppe heraus kristallisieren. Nehmen diese ihre Aufgabe/Verantwortung aber nicht an und es findet sich niemand der kommt es zu den in (1) beschriebenen dauer Diskussionen. Zu den Aufgaben einer “Führungsperson” gehört es aber auch den Vorschlägen, Ängsten, Leistungen aller Gruppen Teilnehmer Gehör zuschenken. Erfüllt eine “Führungsperson” bzw. die “Führungspersonen” ihren auf Aufgaben/Verantwortung entsteht eine erfolgreich zusammenarbeitenden Gruppe.

    Grüße Orlando

    Posted 29 May 2008 at 12:47

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